Diskussionskultur: Ein Versuch (auch hier) ist es Wert …
Verfasst von Frank Vohle am 17. April 2008 - 14:51.
Vorgestern war ich mit Gabi Reinmann im Konferenzzentrum der Audi AG. Sie sprach dort vor gut 200 Personen (teils Audi-MitarbeiterInnen, teils interessierte Öffentlichkeit) zum Thema persönliches Wissensmanagement (siehe letzter Blogeintrag). Da ich die Ausführungen bereits im Vorfeld kenne, interessiere mich während ihrer Vorträge vor allem dafür, wie die „Energien im Raum fließen“
, ob also das gesprochene Wort „ankommt“ wie man so schön sagt. Vorträge in „der“ Wirtschaft bringen immer eine gewisse Herausforderung mit sich, weil die Zuhörer recht unterschiedliche Voraussetzungen und Erwartungen mitbringen. Umso gespannter war ich dieses mal auf die sich anschließende Diskussion. Nach dem obligatorischen „noch Fragen?“, ergab sich nach einer kurzen Schrecksekunde ein reger Austausch und genau darum geht es mir hier.
Gabi hatte in ihrem Vortrag die sog. Knowledgeblogs als EINE Möglichkeit zum persönlichen Wissensmanagement fokussiert. Beispielhaft musste Herr Rau wieder herhalten, der nicht wenig Zeit im virtuellen Raum verbringt. Und hier setzte die Kritik an: „Warum denn gerade die Blogs ein geeignetes Instrument zum persönlichen WM seien?“ … „soviel Zeit habe man doch nicht!“ Gabi hatte diesen Einwand bereits im Referat vorweggenommen, aber die Gemüter damit offenbar noch nicht befriedigen können. Faktisch „fressen“ Blogs Zeit und wenn das Zeitkonto der Mitarbeiter zu 100% ausgelastet ist, dann wehrt man sich natürlich gegen weitere „Zeitfresser“ – klar!?
Ja, klar. Wenn ich an den persönlichen Problemlöse-Prozessen nichts grundsätzlich ändern will, wenn für mich also Meetings & Co „unantastbare“ Größen im unternehmerischen Wertekosmos sind, dann ist diese Reaktion verständlich. Das Ganze gleicht dann einem Bergsteiger, der an einem Überhang klebt, seinen Dreipunktehalt verliert und mir zuruft: „Einen Haken, sofort!“ Wenn man als Wissenschaftler in dieser Situation – bleiben wir im Bild – sagt: „Warum kletterst du denn in diesen Überhang? … dann erzeugt man Unverständnis und Skepsis gegenüber alternativen, vielleicht leichteren Routen hoch zum Gipfel. (ich weiß, beim Bergsteigen kommt es nicht darauf an den leichtesten Weg zu finden, tut aber an dieser Stelle nix)
Helge Städler, ein bekennender Blogger, hatte sich schon einmal an anderer Stelle gegen den Vorwurf zu weheren gewusst, „ob er denn zu viel Zeit habe?“. Helge antwortete damals mit dem Hinweis darauf, dass es nicht um Zeit gehe, sondern um Prioritäten! Blogger setzen bezogen auf ihren persönlichen Wissenshaushalt und seiner Pflege einfach andere Prioritäten – das ist zumindest ein Motiv und ein nachvollziehbarer Grund (neben anderen). Man kann auch sagen „mir ist das bloggen wichtig“, so wie mir die Tasse Kaffee am morgen wichtig ist, zur Selbstregulation oder zur Entschleunigung.
Die Audi-Mitarbeiter – darum ging es – sagten immer wieder, dass sie ja in der „Informationsflut“ „ertrinken“ würden, warum - so die Frage - ein Instrument was noch mehr Informationen „anzieht“, in diesem Kontext helfen solle. Ja und jetzt endlich sind wir beim Punkt – meine ich: Was ist denn die Bedingung dafür, dass ich sage, ich „ertrinke“ in Informationen? Das passiert doch dann, wenn meine Suchkriterien unscharf und vielfältig sind, wenn ich mich also von den tausend Verführern der Welt ansprechen lasse und alles in meiner Mailbox oder auf meinem Schreibtisch horte. Grund für diese krankmachende Vielfalt – so eine These – ist eine mangelnde Selbstvergewisserung „was mir wichtig ist!“. Und in diesem letzten Sätzchen stecken die beiden Begriffe „mir“ und „wichtig“. Hier glaube ich, spring der Frosch ins Wasser (ein komisches Sprichwort, habe ich von Ulrich): ein Weblog zu führen heißt, systematisch und mit einer gewissen Kontinuität „Selbstgespräche“ zu inszenieren. Diese Selbstgespräche aktivieren unweigerlich die beiden angesprochenen „Selbst“-Konzepte, fordern sie heraus, stellen sie in einen Zeit- und Kontextbezug. Das macht uns nicht zu besseren Menschen (ein wenig glauben die Pädagogen das aber), sondern – bestenfalls – kommt es zu differenzierteren Selbst-Einschätzungen und in der Folge vielleicht auch zu dem, was Gabi in Anlehnung von D&R auch als Autonomieerleben beschreibt, also der (immer fragilen) Übereinkunft von dem was mir wichtig ist und dem was ich tue. Idealerweise führt diese luxuriöse Selbstbeschäftigung zu klareren Vorstellungen davon wer ich bin (sein will) und dem was mir (eine Folge?) wichtig ist. Und weil ich das idealerweise – so unserer verführerisches Szenario - besser weiß, klarer fühle, suche ich viel gezielter nach Dingen i.w.S. in dieser Welt. Haben sie etwas gemerkt? Unversehens wechselt man die Hintergrundsmetapher: von einem „Magnet“, der/die in Informations-Späne undifferenziert anzieht zu einem „Brillenträger“, der die die Dinge der Welt selektiv wahrnehmen kann.
Natürlich liegt zwischen dem Blogger und dem entschleunigten, brillentragenden Menschen (ist der gebildet?) zumindest ein langer Weg. Im Sprung geht das nicht. Und genau deshalb kann man im organsiationalen Kontext mit diesen „high involement methods“ weniger anfangen, vermute ich. Letztlich sind es aber genau solche „Irritationen“, wie die Frage nach Autonomie und Selbstbestimmung in Gabis Vortrag, die dann doch einige der Audi‘aner und Externen zum (tieferen) Nachdenken bringen … über sich und dem was ihnen (persönlich) wichtig ist.
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Verfasst von Frank Vohle am 20. April 2008 - 12:51.weiter unten...
Ja, wir rennen und rennen,
Verfasst von Regina Schlager am 19. April 2008 - 16:41.Ja, wir rennen und rennen, immer schneller, nur wo rennen wir eigentlich hin und was nehmen wir auf unserem Weg eigentlich noch wahr? -
Ich denke auch, dass „Irritationen" wertvoll sind und zum Nachdenken bringen können (und zum Lernen!). Erste Reaktion wird häufig aber Zurückweisung sein von etwas, das als Zumutung erlebt wird. Irritation ist ja zunächst nicht gerade angenehm und wird im besten Fall in der Rückschau zu einer positiven Lernerfahrung für uns. Entspricht das nicht auch unseren psychologischen Grundbedürfnissen der Selbstbestimmung, dass wir uns nichts aufdrängen lassen wollen und uns ernst genommen fühlen wollen? Meiner Meinung nach kann ich dem anderen auch keine Erfahrung, die ich gemacht habe, etwas, das ich für mich richtig erlebe, übertragen („aus tiefem Bewußtsein, wie fast unmöglich es ist, gemeinsam, seis auch nur gegeneinander, zu denken, wo man nicht gemeinsam erfährt", so Martin Buber in „Zwiesprache").
Ich arbeite im Wissensmanagement eines Unternehmens und kann daher aus der Unternehmensperspektive sprechen: die Aussage „ich habe keine Zeit dafür" höre ich immer wieder, wenn es um Methoden oder Werkzeuge für das Wissensmanagement geht. Das ist meines Erachtens einer DER kritischen Faktoren von Wissensmanagement in einer Organisation. Ich denke, es berührt die Auffassung von Zeit in unserer Gesellschaft, die daraus folgenden Strukturen und Wertungen und unsere individuelle Haltung - etwas aus meiner Sicht sehr weitreichendes, will ich damit andeuten. Wo also beim persönlichen Wissensmanagement ansetzen? Ein erster Schritt kann meiner Meinung nach sein, dieses von vielen subjektiv erlebte Gefühl des „keine Zeit Habens" zunächst einmal sehr ernst zu nehmen, um sodann Methoden und Werkzeuge vorzustellen und anzubieten (oder vor allem auch gemeinsam zu erarbeiten und zu entwickeln!), die dann der Einzelne vielleicht für sich als sinnvoll, weil ihn bei seiner Arbeit unterstützend erlebt (auch wenn sie zunächst womöglich irritierend wirken). Dabei geht es, was die Sache noch um einiges schwieriger macht, klarerweise auch immer um ein Zusammenspiel von individuellem und organisationalem Wissensmanagement.
Ich mag die Metapher vom Brillenträger bzw. der Brillenträgerin! Vor allem dann, wenn er/sie immer wieder andere, neue Brillen aufsetzt und sich nicht auf eine beschränkt, sozusagen mit einer sich immer wieder ändernden und erweiternden Kollektion an Brillen durch das Leben schreitet ...
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Selbstbeschäftigung als Luxus? Für mich selbst ist persönliches Wissensmanagement untrennbar verbunden mit den grundlegenden Fragen der eigenen Lebenspraxis, den Fragen nach dem „Was will ich?", „Was ist mir wichtig, was sind meine Prioritäten?"„Wie will ich mein Leben gestalten?", „Wie gehe ich um mit mir und anderen?". Wir wollen Innovation und Kreativität in den Unternehmen. Aber entfaltet sich Kreativität in Rastlosigkeit und Hetze? Ich denke, sie bekommt erst eine Chance im Innehalten. - Aber das sehe ich eben durch eine Brille, die auf meiner Nase sitzt, und auf keiner anderen
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Diskussionskultur
Verfasst von Frank Vohle am 20. April 2008 - 12:52.Hallo Frau Regina Schlager, über ihren längeren Kommentar habe ich mich gefreut, zumal ja ein "Erlebnisbericht" wie der von mir versuchte in diesem Portal neu ist. Ich meine aber, dass es in einem Portal zum perönlichen! WM neben der sehr wichtigen Sammlung von Artikeln und Werkzeugen auch darum gehen kann/sollte, sowohl Chancen und Grenzen der WM-Methoden aus dem Arbeitsalltag zu besprechen (Erfahrungsberichte), also auch (wie ich es versucht habe) bestimmte Ein-, An- und Aussichten zum PWM vorzustellen und damit diskutabel zu machen.
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